Meine Perspektive
Philosophie
Woher die dezentrale Perspektive kommt
Strategic Foresight ist nie völlig neutral. Wer über Zukunft nachdenkt, tut das immer von einem Standpunkt aus, und ich halte es für redlich, diesen offenzulegen.
Mein Standpunkt ist ein dezentraler: Zukunft entsteht nicht am Reißbrett einer zentralen Instanz, sondern aus vielen Entscheidungen, aus verteiltem Wissen und freiwilliger Kooperation.
Diese Perspektive speist sich aus verschiedenen Richtungen: aus Ökonomie und politischer Philosophie, aus Komplexitäts- und Systemdenken, aus Psychologie und Bewusstseinsphilosophie. So unterschiedlich diese Quellen sind, sie teilen eine Skepsis gegenüber einfachen Erklärungen und zentraler Steuerbarkeit.
PolitischMacht, Ordnung und Freiheit
Ludwig von MisesWissen, Handeln und die Grenzen zentraler Planung
Von Ludwig von Mises stammt eine der grundlegendsten Kritiken zentral gesteuerter Wirtschaftsordnungen. Seine Argumentation gegen den Sozialismus beruht wesentlich darauf, dass ohne funktionierende Marktpreise für Produktionsmittel eine rationale Wirtschaftsrechnung kaum möglich ist.
Komplexe Gesellschaften lassen sich nicht wie Maschinen von einer zentralen Instanz planen. Das gilt für mich auch jenseits der Ökonomie: Zukunft entsteht aus einer Vielzahl dezentraler Entscheidungen und lässt sich nur begrenzt von oben entwerfen.
Quellen:
- Mises, L. von (1920): „Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“. Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 47, S. 86–121.
- Mises, L. von (1922): Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus. Jena: Gustav Fischer. (Engl.: Socialism: An Economic and Sociological Analysis, London: Jonathan Cape, 1936.)
- Mises, L. von (1949): Human Action: A Treatise on Economics. New Haven: Yale University Press.
Friedrich August von HayekDezentrale Ordnung und verteiltes Wissen
Hayeks Denken ist für mich der Schlüssel zum Umgang mit komplexen Systemen. Wissen ist in Gesellschaften dezentral verteilt, kontextabhängig und häufig stillschweigend. Keine einzelne Institution verfügt über alles Wissen, das nötig wäre, um komplexe soziale oder wirtschaftliche Systeme vollständig zu steuern.
Funktionierende Ordnungen entstehen deshalb vielfach emergent aus lokalen Entscheidungen und Interaktionen. Gute Strategie stärkt daher vor allem die Fähigkeit eines Systems, mit Unsicherheit und unvorhergesehenen Veränderungen umzugehen.
Quellen:
- Hayek, F. A. (1945): „The Use of Knowledge in Society“. The American Economic Review, 35(4), S. 519–530.
- Hayek, F. A. (1973–1979): Law, Legislation and Liberty. 3 Bde. London: Routledge & Kegan Paul.
Franz OppenheimerDas ökonomische und das politische Mittel
Franz Oppenheimer unterscheidet zwei grundlegende Arten, Wohlstand zu erwerben. Das „ökonomische Mittel“ umfasst freiwilligen Austausch, Arbeit und Produktion. Das „politische Mittel“ bezeichnet die Aneignung fremder Leistung durch Zwang und Herrschaft.
Diese Unterscheidung hilft mir, Macht, Institutionen und die Entstehung staatlicher Ordnung klarer zu sehen. Sie wirft auch die Frage auf, unter welchen Bedingungen Menschen freiwillig miteinander kooperieren.
Quelle:
- Oppenheimer, F. (1907): Der Staat. Frankfurt am Main: Rütten & Loening (Die Gesellschaft, Bd. 14/15).
ÖkonomischWirtschaft als evolutionäres System
Eric D. BeinhockerÖkonomie als komplexes adaptives System
Auf einer Reise nach Amsterdam fiel mir Eric D. Beinhockers The Origin of Wealth in die Hände. Das Buch hat mein Studium stark beeinflusst und später auch meine Entscheidung, ins Consulting zu gehen.
Beinhocker beschreibt Wirtschaft als komplexes adaptives System, in dem Innovation, Wettbewerb und Wachstum aus der Interaktion vieler Akteure hervorgehen. Besonders fasziniert hat mich, wie er Ökonomie, Evolutionsbiologie und Komplexitätsforschung zusammenbringt.
Genau das hat mich auch am Consulting gereizt: komplexe Probleme aus mehreren Disziplinen heraus zu betrachten und daraus neue Lösungsräume zu entwickeln.
Quelle:
- Beinhocker, E. D. (2006): The Origin of Wealth: Evolution, Complexity, and the Radical Remaking of Economics. Boston, MA: Harvard Business School Press.
Technologisch & systemischKomplexität und Wandel
W. Brian ArthurEmergenz, Rückkopplungen und Pfadabhängigkeit
W. Brian Arthur gehört zu den wichtigsten Vertretern der Komplexitätsökonomie. Von ihm habe ich gelernt, dass wirtschaftliche und technologische Entwicklungen keinem vorherbestimmten Optimum folgen.
Kleine Ereignisse, Rückkopplungen und frühe Entscheidungen können Entwicklungen verstärken und langfristige Pfadabhängigkeiten erzeugen. Märkte und Technologien sind deshalb ständig in Bewegung.
Für Strategic Foresight heißt das: Zukunft entsteht aus Wechselwirkungen, Feedbackschleifen und emergenten Dynamiken. Ihre langfristigen Folgen lassen sich im Voraus nur begrenzt bestimmen.
Quellen:
- Arthur, W. B. (1994): Increasing Returns and Path Dependence in the Economy. Ann Arbor: University of Michigan Press.
- Arthur, W. B. (2009): The Nature of Technology: What It Is and How It Evolves. New York: Free Press.
Peter SengeOrganisationen als Systeme verstehen
Peter Senges Arbeiten zum Systems Thinking haben meinen Blick auf Organisationen wesentlich verändert. Wer ein Unternehmen als Ansammlung unabhängiger Funktionen betrachtet, übersieht, wie stark die einzelnen Teile aufeinander wirken.
Entscheidungen wirken über Rückkopplungsschleifen auf andere Teile des Systems zurück. Folgen zeigen sich oft erst mit Verzögerung, und scheinbar einfache Lösungen können an anderer Stelle neue Probleme erzeugen.
Senge verbindet diesen Ansatz mit der Idee der lernenden Organisation: Organisationen sollten ihre eigenen mentalen Modelle hinterfragen und lernen, Zusammenhänge zu erkennen. Für Strategie und Transformation heißt das für mich, Maßnahmen immer in ihrem Zusammenspiel und ihren Wirkungen auf das Ganze zu betrachten.
Quelle:
- Senge, P. M. (1990): The Fifth Discipline: The Art & Practice of the Learning Organization. New York: Doubleday/Currency.
Sozialpsychologie und SpiritualitätBewusstsein und Unbewusstes
Carl Gustav JungDas Unbewusste als wirksame Realität
Jung hat mir gezeigt, wie stark unbewusste Kräfte unsere Wahrnehmung, Werturteile und Entscheidungen mitbestimmen. Muster, Projektionen, Archetypen und verdrängte Anteile wirken in unser Denken und Handeln hinein. Besonders wichtig ist für mich das Konzept des „Schattens“: Was ein Mensch nicht in sein bewusstes Selbstbild integriert, bleibt wirksam und zeigt sich oft gerade im Verhalten umso deutlicher.
Organisationen und Entscheider sollten deshalb auch ihre blinden Flecken, Projektionen und unausgesprochenen Ängste reflektieren.
Quellen:
- Jung, C. G. (1951): Aion. Untersuchungen zur Symbolgeschichte. Zürich: Rascher. (Gesammelte Werke, Bd. 9/II, Olten: Walter, 1976.)
- Jung, C. G. (1976): Die Archetypen und das kollektive Unbewusste. Gesammelte Werke, Bd. 9/I. Olten/Freiburg i. Br.: Walter.
Erich NeumannDer Schatten von Gruppen und Gesellschaften
Erich Neumann, ein Schüler C. G. Jungs, überträgt die Tiefenpsychologie auf kollektive und gesellschaftliche Phänomene. Gruppen können unerwünschte Eigenschaften nach außen projizieren, Feindbilder erzeugen und moralische Konflikte externalisieren.
Interessen und rationale Kalküle erklären politische Polarisierung, gesellschaftliche Spannungen und auch Kriege deshalb nur zum Teil. Unbewusste kollektive Dynamiken bilden eine zusätzliche Erklärungsebene, die gerade bei der Arbeit an gesellschaftlichen Zukünften wertvoll ist.
Quellen:
- Neumann, E. (1949): Tiefenpsychologie und neue Ethik. Zürich: Rhein-Verlag.
- Neumann, E. (1949): Ursprungsgeschichte des Bewusstseins. Zürich: Rascher.
Otto ScharmerVon der entstehenden Zukunft her denken
Otto Scharmers Theory U verbindet mehrere Gedanken, die auch für meine Arbeit wichtig sind: systemisches Denken, Selbstreflexion, genaues Hinsehen und die Frage, wie unter fundamentaler Unsicherheit Neues entstehen kann.
Interessant finde ich auch Scharmers Verbindung zur Universität Witten/Herdecke, an der er Wirtschaftswissenschaften studiert und promoviert hat. Das Lernverständnis dort setzt auf Eigenverantwortung, Aktionsforschung und Reflexion. Bildung soll Menschen vor allem befähigen, selbstständig zu denken und verantwortlich zu handeln.
Mit seinem Konzept des „Presencing“ überträgt Scharmer diese Haltung auf Veränderungsprozesse. Daten der Vergangenheit reichen allein nicht aus, um Zukunft zu gestalten. Transformation verlangt, gewohnte Denkmodelle loszulassen, aufmerksam zu verfolgen, was sich verändert, und aus einer erst entstehenden Zukunft heraus neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Das liegt sehr nah an meinem Bild von Strategic Foresight: Gute Zukunftsarbeit verändert den Blick der Beteiligten und schafft damit die Voraussetzung, anders zu handeln.
Quellen:
- Scharmer, C. O. (2007): Theory U: Leading from the Future as It Emerges. Cambridge, MA: Society for Organizational Learning.
- Scharmer, C. O. & Kaufer, K. (2013): Leading from the Emerging Future: From Ego-System to Eco-System Economies. San Francisco: Berrett-Koehler.
- Senge, P. M., Scharmer, C. O., Jaworski, J. & Flowers, B. S. (2004): Presence: Human Purpose and the Field of the Future. Cambridge, MA: Society for Organizational Learning.
Advaita VedantaBewusstsein vor Konzepten
Auf meinen Reisen nach Indien bin ich intensiv mit der Philosophie des Advaita Vedanta und ihren Vorstellungen von Bewusstsein in Berührung gekommen. Lehrer wie Ramana Maharshi stellen die unmittelbare Untersuchung des eigenen Bewusstseins in den Mittelpunkt: Wer ist das Subjekt, das Erfahrungen, Gedanken und Vorstellungen von Wirklichkeit wahrnimmt?
Für mich ist das ein wichtiges Gegengewicht zu rein analytischen Modellen. Es erinnert daran, dass jede Zukunftsvorstellung bereits vom Beobachter, seinen Kategorien und seinem Selbstverständnis gefärbt ist.
Quellen:
- Ramana Maharshi (1923/ff.): Who Am I? (Nan Yar?). Tiruvannamalai: Sri Ramanasramam.
- Ramana Maharshi (1955): Talks with Sri Ramana Maharshi. Hrsg. von Munagala S. Venkataramiah. Tiruvannamalai: Sri Ramanasramam.
- Nisargadatta Maharaj (1973): I Am That: Talks with Sri Nisargadatta Maharaj. Übers. von Maurice Frydman. Bombay: Chetana.
Vom Denken zur Praxis
Pierre WackSzenarien als Arbeit an mentalen Modellen
Pierre Wack, einer der prägendsten Vertreter der modernen Szenarioplanung bei Shell, beeinflusst meine praktische Arbeit in Strategic Foresight besonders stark.
Für Wack lag der Wert von Szenarien vor allem darin, die mentalen Modelle von Entscheidern zu verändern. Szenarien machen sichtbar, welche Entwicklungen außerhalb des gewohnten Erwartungsraums liegen könnten.
Gute Szenarioarbeit erweitert damit den Blick und die strategische Handlungsfähigkeit. Sie bereitet Organisationen auf mehrere plausible Zukünfte vor.
Quellen:
- Wack, P. (1985): „Scenarios: Uncharted Waters Ahead“. Harvard Business Review, 63(5), S. 73–89.
- Wack, P. (1985): „Scenarios: Shooting the Rapids“. Harvard Business Review, 63(6), S. 139–150.
Die verbindende Idee
Diese Denktraditionen teilen für mich eine Grundannahme: Wirklichkeit ist komplexer als unsere bewussten Modelle von ihr.
Ein Teil des relevanten Wissens ist unbewusst oder über viele Menschen verteilt. Entwicklungen entstehen oft emergent und dezentral. Ordnung bildet sich häufig spontan, ohne dass jemand sie entworfen hätte.
Strategische Vorausschau bedeutet für mich deshalb auch, Visionen, Nordsterne und Lösungen abseits zentralistischer Utopien zu entwerfen.